Angina Merkel und Absturz Ost

Kanaillen-Tour 2017, Logbuch-Eintrag Nr. 6

Siehe: www.lappalie-band.de/angina-merkel-und-absturz-ost

Niemand von uns hat mittlerweile mehr Bock, diesen Blog zu schreiben. Der Bierkonsum hat dafür gesorgt, dass die Trägheit überhand nimmt und sich jeglicher Aufwand, der über das Notwendigste hinausgeht, versucht wird, zu umgehen. Dass wir (Simi und Marv) uns jetzt also dennoch dazu zwingen, ein paar Zeilen abzutippen, liegt nicht an euch und dem potenziellen Fame (liest das hier überhaupt wer oder blockt ihr uns schon alle?), sondern hängt damit zusammen, dass unser Gedächtnis in ein paar Tagen nicht mehr dazu in der Lage sein wird, alles zu rekonstruieren und wir es schade fänden, wenn die Erlebnisse in die totale Vergessenheit geraten.

Die uns noch zugänglichen Flashbacks der letzten zwei Tage:

Die Marburger Uni war gütig mit uns und wir durften Zeugen sein vom Fortschritt des 21. Jahrhunderts: Die Zugangsdaten zum Rostocker Uni-Wlan-Netz haben offensichtlich an sämtlichen anderen Uni-Standorten mit dem gleichen Netzwerknamen Gültigkeit. Transföderalismus, du geile Sau! Da sich das Offene Haus Marburg (OHM bzw. Ω , wie die Wortspielkünstler_innen des Hauses dieses nennen) in nächster Nähe der Theologischen Fakultät befand, konnten wir also unsere tägliche Onlinesucht befriedigen und zudem den letzten Blogeintrag samt Fotos hochladen. Kaum damit fertig, trudelten auch schon die ersten Leute ein, sodass nur noch schnell aufgebaut, die Giganten-Schachpartie beendet und gegessen wurde und sogleich das Konzert losgehen konnte. Nach 1-2 Stücken animierten wir das bis dahin dicht an dicht sitzende Publikum von ca. 40 Leuten in einem wirklich gefüllten Raum dazu, aufzustehen und sich tanzbereit zu machen. Einziger Mensch, der hauptsächlich sitzen blieb, war Torben. Da er in Heidelberg die Angina-Diagnose bekam (siehe letzten Blog), musste er sich schonen, wozu neben dem Sitzen auch das ausbleibende Singen gehörte. Dass er aber überhaupt mitspielte und sich nicht – wie eigentlich verordnet – im Bett befand, machte ihn zum Held des Abends! Dicke Props dafür! Die gefüllten Blasen aller Bandmitglieder hatten zur Folge, dass eine von der tobenden Menge geforderte Zugabe nicht wie sonst: direkt nach dem Konzert, sondern erst mit einer kleinen Pinkelunterbrechung gespielt werden konnte. Dies tat der Begeisterung des Publikums aber nichts zuwider und so packten wir sogar den Alltime-Favourite „Für immer Punk“ aus, der bei den scheinbar keineswegs Punk-sozialisierten Leuten zwar keine Mitsing-Stimmung, dafür aber großes Interesse auslöste. Nachdem die Schlafsituation geklärt war und alle sich glücklich zeigten darüber, bei der Kälte nicht im Bus schlafen zu müssen, folgten einige nette Begegnungen mit Konzertbesucher_innen und anderen Anwesenden. In Erinnerung blieb z.B. die Einführung in Mittelalter-Instrumente und -Musik von Thomas, der durch Zufall vorbei kam und sich darüber ärgerte, uns nicht live gesehen zu haben. Besonderer Dank geht an unseren Fan Femi, der uns in Rudolstadt gesehen hatte und wahrscheinlich der Einzige ist, der jemals für Lappalie die Schule geschwänzt hat. Denn nicht nur, dass er extra wegen unseres Konzertes eine relativ weite Anreise auf sich genommen hatte. Außerdem ließ er den Informatikunterricht am nächsten Tag ausfallen, um mit uns Zeit zu verbringen. Zum Glück schrieb der Oberlehrer Henning ihm noch einen Entschuldigungszettel auf unserem Flyer (Femi, bitte lass uns wissen, ob er akzeptiert wurde! Falls nicht: Wir klären das!).
Während also Torben und Henning es sich auf Victors Hochbett gut gingen ließen für die Nacht (danke Victor für die Möglichkeit bei euch überhaupt aufzutreten), erwartete uns unten im Gerade-Noch-Konzert-Raum eine Diskussion zum Thema „Alle in einer Reihe oder Fuß an Kopf – Was ist die für alle Parteien zufriedenstellenste Schlafsituation?“, die wir aber schnell zu beantworten wussten und damit die Füße im Gesicht für den extra Platz in Kauf nahmen.
Leo besorgte nach getanem Schlaf und einem Spaziergang die Brötchen fürs Frühstück, die uns für die Straßenmusiksession auf dem Marburger Marktplatz zu stärken wussten. Henning hatte natürlich Recht mit seinem Vorschlag, den Restaurant-Gästen rotzfrech in die Gesichter zu singen, statt mit einer spärlich besuchten Nebengasse vorlieb zu nehmen. Bilanz dieses Nachmittags: Eine freudige Stunde Straßenmusik, der Besuch des Marburger Schlosses, mehrere wiedergetroffene Gesichter des vorherigen Abends und die Erkenntnis, dass Ignoranz Erfolg haben kann. Denn anstatt auf den pensionierten Meckerer mit Eis in der Hand zu hören und den Verstärker auszumachen („Sie wissen schon, dass sie nur unverstärkt spielen dürfen?!“), wurde seine Beschwerde mit einem „Ja!“ und dem simplen Weiterspielen von Marv beantwortet.
Die folgende Autofahrt verlief trotz einer heiklen Auffahrtsituation bei Kassel sehr entspannt, da wir es uns in den letzten Tagen zur Gewohnheit gemacht haben, zu spät zu Konzerten zu kommen und so immer öfter der Spätsommerabendsonne Licht auf den Märchenwäldern Mitteldeutschlands bewundern konnten. So kamen wir dann gut gelaunt und ausgeruht nach Witzenhausen, der kleinsten Universitätsstadt Deutschlands. Wir spielten abends im Club Witzenhausen vor dem bisher größten Pogomob der bisherigen Tour. Der Tischkicker in diesem Club, der zu unkontrollierbarem Krachspiel einlud, hatte es uns auch sehr angetan. Nach der Party gingen wir zu Hannelores WG, um dort zu pennen und den Abend in einer gemütlichen Runde ausklingen zu lassen. Die inoffizielle Tourhymne „Everything Now“ von Arcade Fire – bereits am Vorabend in Marburg gekürt – fand leider keine Möglichkeit, Gehör zu finden, da uns die Technik in dieser Hinsicht versagte. Wir hörten stattdessen auf dem Plattenspieler Neil Youngs „Harvest“ (auch mal auf lustigen 45 Umdrehungen/min), Pink Floyds „Dark Side of the Moon“, Fleetwood Macs „Rumours“ und Jethro Tulls „Crest of a Knave“. Hannelore behielt ihre unterhaltsame Trockenheit bis zum Ende bei, um uns am Ende des Abends nach der Frage, was ihre Mitbewohner und sie durch die anbahnende Pfändung ihres Wohnhauses drohe, zu verkünden: „Für den Oktober zahlen wir dann auf jeden Fall keine Miete.“ Zum Hinlegen fiel uns auf, dass wir in dieser Nacht das erste Mal zu fünft als Band in einem Raum pennen. Und das soll gut sein für Bandfeeling und so.
Heute war dann unser erster freier Tag der Tour. Es wurde dementsprechend bis 14 Uhr gepennt, fresh gedeckt zum Frühstück und gelenzt. Abends gabs dann einen gemütlichen Kartoffeleintopf mit Sauerkraut. Torben, Henning und Leo gingen daraufhin noch zu einer Jamsession, worauf Marv und Simi nicht Recht Bock entwickeln konnten. Währenddessen besuchten die zwei mit Hannelore noch eine Kneipe und schrieben daraufhin an diesem Eintrag. Zu diesem Zeitpunkt spielt Torben wahrscheinlich noch immer lautstark Schlagzeug, Henning und Leo schlafen bereits, und wir diskutieren jetzt weiter über die unterrepräsentierte Diskussion der sozialen Herkunft in universitären und alternativen Kontexten. Oi!