Die Straßen sind durch den andauernden Schneefall und die niedrigen Temperaturen so glatt, dass du dich unablässig konzentrieren musst, um nicht in den Straßengraben zu rutschen. Jede Kurve bedeutet Zittern, jedes Bremsen treibt dir Schweiß auf die Stirn. Denn ABS besitzt dein Auto zwar nicht, dafür einen solide langen Bremsweg, der durch die Straßenglätte nur noch weiter verlängert wird. Aber egal, denkst du, der alte Mercedes hat schon so manches mitgemacht, also wird er mich auch diesmal nicht im Stich lassen! Es ist bereits stockduster und in deinen Scheinwerfern erzeugen die Hochgeschwindigkeitsschneeflocken ein kontinuierliches Krisseln, das einem die Sicht zusätzlich erschwert. Im Radio verspricht der Verkehrsfunk keine Besserung, du schaltest stattdessen lieber auf den glücklicherweise vorhandenen CD-Betrieb um und bist sogleich ein wenig beruhigter, als die Klänge des von dir kürzlich produzierten neuen Albums von ‚Fishermans Wife‘ ertönen. Zu kraftvollen Gitarrenriffs erreichst du nach einer gefühlten Ewigkeit endlich den Ortseingang von Stavenhagen. Jetzt lass bloß jemanden da sein, hoffst du inständig, sonst bin ich den ganzen Weg umsonst gefahren. Dein Handy hat schon seit 30 Kilometern keinen Empfang mehr, das heißt, du würdest den Lageristen nicht mal telefonisch erreichen können, falls er nicht dort sein sollte. Beim kurzen Blick auf dein immer noch empfangloses Handy fragst du dich genervt, wann der technische Fortschritt wohl mal die mecklenburgische Provinz erreicht. Als du auf den schneebedeckten Hof des Lagers fährst, siehst du zu deinem Glück dann aber ein beleuchtetes Fenster. Kalle, der Lagerfachangestellte, hatte schon mit einer Verspätung wegen des Wetters gerechnet und als du nach Abstellen des Autos das Büro betrittst, begrüßt er dich sogleich herzlich mit frisch aufgebrühtem Kakao. „Wahnsinn!“, sagst du voller Erstaunen über diesen Empfang, und freust dich darüber, dass du kurz verschnaufen kannst. Ihr plaudert ein wenig, du erzählst von der Fahrt und davon, wie die Zeit dir und den anderen im Nacken sitzt, wo doch morgen Abend schon die Release-Party sein wird und diese ohne die zu releasende Scheibe ja im Grunde sinnlos und zumindest für einige der Anwesenden enttäuschend sein würde. „Aber nun ist ja alles gut“, versucht Kalle dich zu beruhigen, worauf du in einem leicht sorgenvollen, aber bereits etwas optimistischeren Ton entgegnest: „Najaaa! Gut ist es erst, wenn ich wieder unbeschadet in Rostock bin…“ Nach einiger Zeit bist du genau das dann glücklicherweise auch: Mit größter Zufriedenheit darüber, es geschafft zu haben, erreichst du den Parkplatz vom Bunker, gehst mit einem der 42 CD-Kartons rein und kommst genau dann im Proberaum an, als deine Zöglinge von Lappalie gerade den Titelsong des Albums, „Kanaillen der Straße“, für morgen proben. Als sie dich und den Karton sehen, hält sie nichts mehr vor Begeisterung, ihr begrüßt euch, und die Dankbarkeit der Band gegenüber deinem Einsatz drückt sich nicht nur in ihrer Freude aus, sondern auch darin, dass irgendwer von ihnen zu dir sagt: „Du hast das Weihnachtsfest gerettet!“ Denn das hast du irgendwie ja auch, selbst wenn schon Januar ist.

So oder so ähnlich ist es gewesen, als Christian (vom wundervollen BLM-Studio) am 18.01.18 die fertigen CDs abholen fuhr. Was davon nun wirklich passierte und was meiner Phantasie entsprungen ist, dürft ihr, die ihr diese lange auf sich warten lassenden Zeilen lest, gern erraten! Fest steht jedenfalls, dass das Grundszenario genau so ablief und uns hinterher zu der Einschätzung kommen ließ, dass das alles ganz schön verrückt und wie im Film war. Denn eigentlich hätten die CDs schon einige Tage früher da sein sollen, was jedoch durch die Gema, das Presswerk, die Spedition und/oder anderen unvorhergesehenen Problemquellen verhindert wurde. Bei allem Vertrauen in die Welt (und zu Christian) hatten wir uns während der Probe dennoch bereits Gedanken gemacht, wie wir dem Publikum morgen am schonendsten beibringen könnten, dass sie weiterhin auf das Album werden warten müssen. Wir dachten, dass das aber irgendwie auch zu uns und unserer halben Verpeiltheit passen würde und bereiteten schon Ansagen wie diese vor: „Uns ist da ein Malheur passiert, vielleicht ist es aber auch nur eine Lappalie, ihr müsst jetzt jedenfalls ganz stark sein…“ Außerdem hatte unser Internetguru Leo ein paar Download-Codes erstellt, sodass man zumindest nicht mit komplett leeren Händen vor den traurigen Fans hätte stehen müssen. Aber es kam ja dann doch alles anders als befürchtet und auf dem letzten Drücker wurde die angekündigte Veröffentlichung gerettet. Was wir daraus lernen? Dass eine umgangssprachlich „stoisch“ genannte Lebenshaltung echt super sein kann: Die Dinge regeln sich schon irgendwie. Und falls nicht: auch ok – wir leben, lieben und lachen ja trotzdem!

Und Leute, jetzt mal ehrlich: Was war denn das bitte für ein abgefahrener Abend im Peter-Weiss-Haus?! Wir wurden ja auf unserer Kanaillen-Tour schon sehr verwöhnt, was die Stimmung anbelangt – um in unserer neuen Lieblingssprache zu sprechen: Vong Partyfeeling und Gut-Laune-ness her. Aber dieses Konzert war so derbe nice am been, dass wir noch immer nicht drauf klarkommen und so geflasht sind wie 1 überwältgigter Forrest Gump when er Jenny sees, lol. Nur flye people there gewesen u kaum 1 Larry am Start. Boah diese language sprengt m1 Brain… Sheesh! Was ich sagen will: Vielen Dank, dass dermaßen viele coole Menschen da waren, die tanzten, als gäbe es kein Morgen, Konfetti verschossen, uns zum Ausziehen animierten oder mit uns schwitzten, mitsangen oder sogar stage-divten. Es war fabulös! Die ganze (teils durch den Anspruch, gut abliefern zu wollen, teils durch Blutblasen an den Fingern, teils durch beides induzierte) Aufregung der Tage zuvor hatte sich gelohnt! Neben all unseren Freund*innen waren diesmal sogar unsere Familien mit dabei: direkt vor Ort, sodass sich z.B. vorher im Backstageraum noch familienübergreifend über das eigene vermeintlich zu hohe Alter ausgetauscht werden konnte, oder zuhause an den Radios bzw. Laptops durch die Live-Übertragung bei Lohro. Insgesamt leisteten an diesem Abend dutzende Leute Großartiges: Die musikalischen Größen rund um Freaks Dynamite, Jörg Knüppel und Triosaurus, mit denen die ein oder andere Anekdote ausgetauscht und Allianz geschmiedet wurde, oder das ganze PWH-Team, das nicht nur durch die Sound- und Lichttechnik, den Einlass oder die Planung in Erscheinung trat, sondern zudem ein Catering bereitstellte, mit dem alle äußerst glücklich waren! Stellt euch das nur mal vor: Blätterteig-Gebäck mit Kirschfüllung als Nachtisch für alle! Die Lohro- und BLM- und Mojo-Sounds-Crews sind hier natürlich ebenso zu nennen wie Oskar am Merchandise-Stand, unsere Fotograf*innen (insbesondere Kayleigh) oder die Auf- und Abbau-Helfer*innen. Wir danken euch wirklich sehr für diesen Support! Nach dem Konzert ging es dann für viele von uns in die legendäre Budhilde, wo bis spät in die Nacht gekickert, gejammed, getanz, gesoffen und anderes zelebriert wurde. Oh what a night!

Trotz einiger immer mal wieder durchlebter Problemchen, blicken wir auf eine sehr schöne, lehrreiche und vor allem witzige Produktions- und Studiozeit zurück. Wieder einmal konnten wir unsere Skills im respektvollen Umgang untereinander unter Beweise stellen, denn wie das beim Produzieren eines Albums und unter engagierten Leuten, wie wir es sind (höhö… 😉 ), so ist: über viele Dinge gibt es naturgemäß Diskussionen. Diese führten wir manchmal erbittert und immer kontrovers, ließen dabei aber keine Meinung ungehört. Und wenn es mal wieder etwas zu durcheinander wurde und die Stimmung drohte, aufgrund des Hungers in Missgunst umzukippen, waren da zum Glück der Imbiss im Neptuncenter oder der Vietnam Quan zur Stelle, um zu beschwichtigen. Vor allem aber – und das kann nicht oft genug betont werden – waren unsere Studioengel Christian und David vor Ort und bildeten einen Ruhepol, wie manch eine*r sich ihn so manches Mal im Leben wünschen mag. Wir fühlten uns rundum gut aufgehoben und umsorgt durch euch (und natürlich auch durch Julia, die Praktikantin, die sich sogar auf dem Album verewigt hat) – und das nicht nur durch aufnehmen, organisieren, mischen oder den ganzen anderen offiziellen Kram, sondern auch durch zuhören, rumalbern, Ratschläge geben, Kaffee kochen oder nervige Studio-Vermieter vertreiben. Gern gesehene Unterbrechungen unserer Sessions waren hingegen die immer mal wieder hereinschauenden Guys von Fishermans Wife oder die im Nebenraum Klavier und Gesang Unterrichtenden und Übenden. Immer was los in den heiligen Hallen der Marmeladenfabrik! Auf jeden Fall war bei der zeitweilig aufgekommenen Anstrengung dennoch viel spontane Freude garantiert. So begrüßte Henning eines Morgens z.B. eine vergammelnde Makrele vorm Eingang und sorgte für erheiterte Verwirrung. Auch schön war die Möglichkeit, die uns die Bühne und die Auslegware des Studios (R.I.P., sie wurde kürzlich Opfer von Rationalisierungsmaßnahmen „von ganz oben“ und nach aufwendiger Entfernung – die Biester sind zäh! – fachgerecht entsorgt) boten: Sie dienten mehrfach als Schlafplatz für unsere aus verschiedenen Gründen (Umzugs- und Renovierungsstress, Prüfungen, vorangegangene Partys etc.) übermüdeten Seelen. In Erinnerung geblieben ist hier besonders der Tag, an dem wir die Liveaufnahmen machten: Während der Großteil von uns auf denkbar harten Oberflächen schlief, bauten die Studioengel Instrumente und Mikrofonierung auf. Anstatt darüber aber irgendwie erbost zu sein, weckten sie uns sogar noch mit sanften Meeresrausch- und anderen Naturgeräuschen. Womit wir das verdient haben? Das wüssten wir selbst gern! Dass es niemanden wirklich stört, mit allem drum und dran der Albumproduktion nun schlussendlich länger gebraucht zu haben als anfangs erwartet, brauch‘ ich wohl in Anbetracht solch selig stimmender Erfahrungen nicht erwähnen. Und es ist ja nun mal, wie es ist: Was lange währt, wird endlich gut! Wir sind jedenfalls alle sehr zufrieden mit der Platte und konnten in den letzten zwei Wochen seit Erscheinen erfahren, dass die meisten von euch das auch sind! Das meisterliche Cover-Gemälde, dessen Original Leo und Henning fortan hüten wollen wie ihren Augapfel, konnten viele von euch ja bereits bewundern. Richtig stolz sind wir darauf, uns mit so etwas Gelungenem schmücken zu dürfen. Vielen Dank für dieses Sahnestück, Sven Scharfenberg! Das super schicke Design, das uns der gute Christian Kleist bescherte, bekommt ihr zu sehen, wenn ihr die fein arrangierte Schrift, das gesamte CD Layout und das tolle Booklet betrachtet. Oder aber, wenn ihr an irgendeinem Laternenpfahl der KTV unseren feschen neuen Aufkleber entdeckt. Danke Christian für deine Künste! Auch unser Mastering-Chef und Strainful-Train-Klampfer Hendrik Kühling muss hier unbedingt noch erwähnt werden: Danke für den guten letzten Schliff an den Tracks und die unkomplizierte und transparente Kommunikation mit dir!

So, bevor ich hier die Kapazitätsgrenze des Internets erreiche, soll das mal bald genügen an Text. Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt zu lesen: Gratulation! Ihr gehört dann zu den wenigen Leuten, die dieser Tage noch das Glück haben, eine Geduld und ein Textverständnis zu besitzen, das über das Lesen von Kurznachrichten von Präsidenten, AfD-Idioten und anderen mehr oder weniger gefährlichen Krümelmonstern hinausgeht. Ok, ok, billige Kulturkritik: Off. Nur noch ein paar kurze Worte zu den vergangenen Auftritten: Beim Apfelblütenfest im schönen Hermannshagen konnten wir mal in einer schicken dörflichen Umgebung spielen und sogleich die frische Ernte genießen. Die “Musikmeile”, ein Kneipenfestival in Stralsund, dagegen forderte uns einiges ab: ganze vier Sets von jeweils einer dreiviertel Stunde sollten wir spielen. Angekommen in Rostock waren wir nach einer turbulenten nächtlichen Fahrt und dem Sichten mehrerer Wildtiere auf und neben der Straße dann erst gegen halb 5. Im November durften wir dann zusammen mit den Rostocker Bands Real Deal und SixBladeKnife für einen wirklich guten Zweck im Stadtpalast spielen. Die Eltern der kleinen Emily hatten aufgrund ihrer Herztransplantation teure Umbaukosten in ihrem Haus zu stemmen, wofür Geld gesammelt wurde. Die Adventszeit wurde ein paar Wochen später durch unser Konzert im Sternenzelt und den dazugehörigen Glühwein eingeleitet. Eingeleitet wurde dann auch das neue Jahr an Neujahr, indem wir förmlich vor einem Strom aus Touristen Warnemünde bespaßten. Wer uns demnächst mal wieder auf einer Bühne sehen möchte, muss sich leider noch bis Ende März gedulden. Zwischendurch aber heißt es wieder: Bis gleich, auf der Straße!

Over and out,
Marv