Reisebericht Irland #3


Es war ein recht kühler Dienstagabend im Herbst in Irland. Marv, Leo und ich liefen durch Dublin und es fühlte sich gut an, zurück in dieser Stadt zu sein. Vor einem Jahr im August waren Simon, Leo und ich zum ersten Mal hier und hatten im Temple Bar Area und in den Einkaufsstraßen Straßenmusik gemacht, zum ersten Mal mit offizieller Genehmigung („Busking License“), die leicht zu kriegen war und uns nervige Auseinandersetzungen mit Ordnungsamtspersonal ersparte.

Nun, über ein Jahr später, kamen wir vom Merrion Square Park, wo wir auf dem Extinction Rebellion Camp mit unserem Bus, dem IQIQ, standen. Unser Auftritt auf der großen Bühne fand nicht statt, weil alle Teilnehmenden an Demos und Aktionen in der Stadt beteiligt waren und der Platz vor der Bühne leer. Da wir aber gern mit unserem Straßenmusikverstärkern für die friedlichen Blockade des Parlaments gespielt hatten, waren wir zufrieden und stöberten in die Stadt hinein. Wir sollten eventuell auch morgen einen neuen Slot kriegen auf der großen Bühne und die Organisator*innen fanden es cool, dass wir von so weit her gereist waren für unsere Auftritte.

Es war Marvs letzter Abend in Irland und daher wollten Leo und ich ihm noch ein bisschen von Dublin zeigen. Wir liefen durch die Touristenfalle „Temple Bar“, wo den Touris ein Dublin und Irland verkauft wird, dass es so eigentlich nicht gibt. Man kann da eigentlich nicht durch gehen, ohne Whiskey in the Jar, the Town that I loved so well oder Dirty Old Town zu hören – Traditionals, die zwar schön sind, aber die für die authentischen Folkmusiker*innen in Irland so überspielt sind, dass sie eher gemieden werden.
Raus aus der Templebar überquerten wir den River Liffey und streunerten Richtung „The Cobblestone“, einem Pub, in dem es jeden Abend gute Trad-Sessions (Instrumentale Irish Folk Sessions) gibt. Auf dem Weg dorthin stolperten wir in Ben und Shane, zwei Freunde von Lonesome George, die wir schon aus Belfast kannten. Sie waren auf dem Weg zu einer kleineren Session in einem kleineren Pub und wir schlossen uns spontan an.


Die Session war wunderbar. Diesmal wollten wir „nur“ zuhören. 3 Geigen, 2 Mandolinen, eine Zieharmonika, ein Irish Banjo, Shanes Irish Bouzouki und eine Gitarre zauberten einen warmen, glasklaren Folksound. Wir lauschten, träumten, redeten und wurden von Tischnachbarn schnell in Gespräche über Musik verwickelt. Marv schlürfte Guiness oder Ale und Leo und ich tranken mal wieder Erdinger alkoholfrei. Mit unser selbstauferlegten Alkoholfasterei seit August war es in Irland manchmal etwas enttäuschend. Die Pubs hatten wenn überhaupt, dann nur Erdinger oder Heineken alkoholfrei und das war schon etwas langweilig, sowas in Irland zu trinken. In dem Pub, in dem ich 2014 in den schottischen Highlands viel gespielt hatte, hatten sie sogar alkoholfreies Ale. Aber wir wurden trotzdem nicht schwach. Es ist ja nicht das letzte Mal auf der Insel und die Musik berauschte uns auch.

IMG_8804 (<- Klick hier! So klang die Session)

Als um ein Uhr nachts die Sperrstunde kam, gingen wir zurück zum Merrion Square. Leo pennte im Zelt und Marv packte seine sieben Sachen. Die Nacht im IQIQ war kurz, aber es war irgendwie aufregend, mitten in Dublin in der roten Rakete auf dem Extinction-Rebellion-Camp zu schlafen und es war schade, dass Marv jetzt los musste, um in Mecklenburg sein Referendariatsseminar zu besuchen. Morgens gegen 6 Uhr manövrierte ich den IQIQ zum Flughafen und Marv verschwand hinterm Check-In, um im Flugzeug in 2 Stunden zurückzulegen, womit wir in der roten Rakete zwei Tage brauchten.
Ich schlief eine Stunde im IQIQ im Parkhaus des Dublin Airport. Das hatte einen guten Grund, denn Daniel und Maria, zwei Freunde aus Rostock kamen am Flughafen an und da wollte ich sie doch gleich begrüßen. Sie hatten witzigerweise ihren Irlandurlaub zur selben Zeit geplant, ohne dass wir das in der Planung voneinander wussten. Ein Stückchen Rostock in Dublin zu begrüßen war schön und wir fuhren ins Zentrum für ein Full Irish Breakfast mit Brot, Ei, Würstchen, Blutwurst, Baked Beans und Tea. Auf dem Weg ins Zentrum war natürlich der Berufsverkehr ausgebrochen und ich quetschte mich im IQIQ durch die Staus der Stadt, bremste für Kamikaze-Radfahrer*innen und brauchte 45 Minuten für eine Strecke, die vorher morgens um 6Uhr nur 20 Minuten gedauert hatte.
Für Daniel war es noch krasser. Im Leihwagen mit dem Lenkrad auf der rechten Seite im Linksverkehr, erlebte er die Feuertaufe im Experiment des auf links gedrehten logischen Denkens.

IMG_8807 (<- Klick hier für den Dubliner Stadtverkehr aus dem IQIQ)

Nach dem Frühstück schlenderten wir durch Dublin und ich zeigte Ihnen das Zentrum, das ich nun schon einigermaßen kannte. Im einem Musikgeschäft besorgte ich mir ein paar Liederbücher und testete einige Irish Banjos an mit der traurigen Erkenntnis, dass alle Banjos unter 500€ wirklich doof und blechern klingen. Ich kaufte noch eine G-Dur Mundharmonika, weil mir bei meiner wieder ein Stimmblättchen kaputt gegangen war. Das passiert echt oft bei so vielen Auftritten und Straßenmusiksessions. Leider verstehe ich mich nicht in der Kunst des Stimmblättchen ersetzens bei Mundharmonikas.

Maria, Daniel und ich streunerten durchs Zentrum, entdeckten schöne Ecken in Stadtparks und ich versuchte ihnen, die Eigenarten der irischen Aussprache der englischen Sprache etwas näher zu bringen.
Dann machten sie sich auf in das Dorf, wo sie ein Ferienhaus hatten und ich ging zurück zum Merrion Square und holte etwas Schlaf in der roten Rakete nach.

Am späten Nachmittag gab es dann sehr gute Nachrichten: wir würden einen Slot auf der Bühne von 20-21Uhr bekommen. Darüber haben wir uns sehr gefreut. Aber wir hatten sowieso schon sehr gute Laune. Das Extinction-Rebellion-Camp war ein sehr spannender Ort für uns. Zum einen wurde diese neue Gruppe sehr viel diskutiert in vielen Ländern, zum anderen gab es uns einen richtig spannenden Einblick in die politischen Verhältnisse Irlands. Es war wirklich sehr schön, mit so vielen Menschen aus wirklich verschiedensten politischen Hintergründen und aus verschiedensten Sphären der Gesellschaft kennen zu lernen. Jung & alt, Schüler*in, Nachbar*in, Arbeiter*in, Student*in – es waren wirklich verschiedenste Menschen, die sich dort zusammen fanden und auch erst kennen lernten. Es war alles basisdemokratisch entschieden, es gab zahlreiche Diskussionen und wir haben sehr nette und spannende Menschen kennen gelernt, über die Klimakrise, Neoliberalismus, Umweltschutz, den Einmarsch türkischer Truppen in Rojava und über die Zapatisten in Chiapas diskutiert. Es gab viele Ansichten und den Konsens, dass sich etwas verändern muss, ein gemeinsamer Wille gegen Resignation und Rückschritt der Gesellschaften der Menschen. Es war spannend, diskussionsreich und herzlich. Die Stimmung war warm und unverkrampft, so wie wir es in zuhause leider nicht immer gewohnt sind.


Um 20Uhr ging es für Leo und mich dann auf die Bühne. Ich muss sagen, das war sehr aufregend. Die Bühne war groß und auf der Merrion Square Street mitten in Dublin. Es war inzwischen dunkel, vor der Bühne waren zwischen vielleicht fünfzig und hundert Menschen, es wurde hier und da getanzt und gut zugehört. Wir hatten den Woody Guthrie Song – I ain’t got no home ins Repertoire aufgenommen, da er thematisch sehr gut zum Klimathema passte und Leo ihn letzten Sommer auf eine afghanische Fluchtgeschichte umgeschrieben hatte. Außerdem spielten wir The hour that the ship comes in von Bob Dylan und machten erklärende Ansagen zu unseren deutschen Liedern, die natürlich niemand verstand außer die zwei, drei Deutschsprachigen, die wir trafen.
Es war für mich ein tolles Gefühl, auf dieser Bühne mitten in Dublin zu spielen und ich dachte mir, dass es echt verrückt ist, wo uns die Musik und unser Abenteuerdrang inzwischen schon überall hingetrieben hat und jetzt stehen wir hier, in Dublin, auf dieser Bühne – it couldn’t be better…

c1b81ea0-76f0-4b91-948e-e86e3d1514a7 2 (<- Klick hier: The hour that the Ship comes in)
Nach dem Auftritt bekamen wir viel gutes Feedback, einige kauften CDs und fragten uns über die alternative Musikszene in Deutschland aus. Später gingen wir mit ein paar Menschen vom Camp in einen Pub und lernten Anna aus Belfast kennen, die sich mit uns darüber lustig machte, dass sie im Pub von einem Typen angegraben wurde, der um bei ihr besser anzukommen vorgab, sich sehr für Umwelt und Umweltaktivismus zu interessieren. Im Pub musizierten ein paar ältere Musiker mit Gitarre, Banjo und schönem Gesang, aber schon bald war Sperrstunde und wir gingen zurück zum Camp, wo wir ums Lagerfeuer sitzend die Gitarre, Mundharmonika und Mandoline wandern ließen. Wir waren so zehn Leute und einige musikalische waren darunter. Anna meinte, „I would love to play a wee instrument too!“ (Ich würde auch so gern ein kleines Instrument spielen.“ Und beklagte, dass sie so unmusikalisch sei. Ich gab ihr meine kleine C-Dur Taschenmundharmonika und sagte, „Here’s a wee instrument for you.“ Auf der Mundharmonika klingt es dann schnell gut, oder zumindest nicht schief, und so wurde erstmal die Tonart auf C-Dur und A-Moll festgelegt und dann löste die C-Dur Mundharmonika den Abend noch viele kleine Erfolgserlebnisse in der Runde aus. Die Runde, in der sich nur wenige kannten, ging dann in lustiges Erzählen von Anekdoten und Witzen üben. Einer hatte mal aus versehen eine Möwe mit dem Rad tot gefahren oder gesehen wie sie gegen ein Auto flog und das verendete Tier daraufhin mit nach Hause genommen und im Ofen gebraten. Er meinte, es schmeckte gar nicht so schlecht. Alle lachten und Witze über „roasted seagulls“ begleiteten die Gespräche bis tief in die Nacht. Jemand erzählt von gemeinen Möwen am Strand „The seagull stole my baby and only left the chips…!“ (Eine Möwe hat mein Baby geklaut und mir nur die Pommes da gelassen) es gab Diskussionen und erheblichen Zweifel daran, dass Pferde es einem glauben, wenn man zu ihnen hingeht und sagt: „Hey fella – I’m your friend!“ Außerdem erfuhren wir ein paar Anekdoten darüber, was es für Kinder in Belfast heißen kann mit dem Nordirlandkonflikt aufzuwachsen, wenn Kinder anscheinend unverblümt heraus schreien, was ihre Eltern vermutlich nur in ihren eigenen vier Wänden so drastisch formulieren.


Nachts um drei gingen wir schlafen mit dem Kopf voller Witzen und Geschichten. Es war inzwischen verdammt kalt geworden. Leo schnappte sich noch eine Thermodecke im Zelt, ich lies in der roten Rakete die Fenster zu und merkte einmal mehr, dass ein Daunenschlafsack schon eine sehr gute Erfindung ist. Am nächsten Vormittag aßen wir Frühstück und ich vertiefte mich nochmal mit einigen, die ich kennen gelernt hatte in Gespräche. In Halle hatte es am Abend davor den antisemitischen Terroranschlag gegeben und der Blick nach Deutschland von außen her wirkte absurd. Mir ist manchmal echt komisch dabei, zu bedenken, dass ich in einem Land lebe, in dem Neonazis in Polizei und Bundeswehr Terrornetzwerke wie das Nordkreuz aufbauen können, in dem es wieder antisemitischen Terror gibt und in dem der große Aufschrei und die konsequente politische Arbeit gegen Rassismus und Antisemitismus und für eine offene Gesellschaft von staatlicher Seite doch auszubleiben scheint. Es wirkte etwas passend zum Herbstanfang. Mit dem Einmarsch der türkischen Truppen in Rojava und dem europäischen neuen Aufblühen rassistischer Parteien und Meinungen, tat es mir gut, in Dublin so viele politisch interessierte, offene und so verschiedene Menschen kennen gelernt zu haben. Wir waren zwar erst zwei Tage hier, aber der Abschied fiel uns trotzdem schwer. Wir wurden hier sehr herzlich empfangen und hatten sehr intensive Tage mit vielen spannenden Menschen. Besonders gut tat es uns, wie positiv alle miteinander umgingen, auch wenn sie sich mal nicht einig waren. Etwas traurig, aber mit der Gewissheit gerade sehr schöne, intensive Tage zu erleben, packen wir unsere Sachen und fuhren mit Joe von Lonesome George, Laura und Claire Richtung Belfast. Der Linksverkehr fühlte sich inzwischen wie das normalste der Welt an und ich manövrierte den IQIQ aus dieser viel besungenen Stadt, die wir trotz des Touristenhypes irgendwie sehr lieb gewonnen haben. Als wir in Richtung Belfast in den Norden fuhren, wechselten die Straßenschilder wieder von Kilometer auf Meilen pro Stunde und wir werteten unsere Erfahrungen in den letzten Tagen aus. Es fühlte sich an, als wären wir eine Woche aus Belfast weg gewesen, dabei waren es nur zwei Nächte.