Hey, liebe Freunde, Fans und Follower*innen! Die Lappalie-Schreibwerkstatt meldet sich nach langer Zeit der Abstinenz mal wieder zu Wort. Ein Sommer voller aufregender Abenteuer und abenteuerlicher Aufregungen liegt hinter uns und wir sind immer noch dabei, die ganzen Stories auszuwerten und abzuspeichern. Kaum angekommen, geht‘s wie so oft aber auch schon wieder los, sodass wir gerade im schönen England unterwegs sind und das linksseitige Fahren Faszinosum und Herzinfarkt-Beinaheverursacher zugleich ist. Wie es dazu kam, sollt ihr in den folgenden Zeilen erfahren.

Vollgepackt mit tollen Sachen, machten wir uns am Morgen des dritten Oktobers auf den Weg nach Hann. Münden. Kaum nötig zu erwähnen, dass wir nach mehreren Wochen ohne gemeinsamen Gig entsprechend Bock hatten. Da unsere mehr oder minder lukrativen Nebentätigkeiten uns an den Tagen zuvor die Kräfte aussaugten, kam es wie gelegen, dass unser auf den Namen Rote Rakete frischgetauftes neu-altes Bandmobil genügend Platz bietet, um auch während der Fahrt die Füße hochzulegen und somit wertvolle Regenerationsarbeit zu leisten. Einen solchen Luxus kannte man bisher nur aus Tourvideos erfolgreicher Bands! Was sonst unerreichbar schien, ist nun also zum Greifen nah: Wir werden erwachsen und sind selbstständig bequem unterwegs! Aus diesem Anlass (oder einfach, weil „is ja viel langweilig“ sonst) ergab es sich, dass an jenem Tag mal bandintern die Rollen getauscht wurden. So bewies Leo seine Fahrkünste, während Henning neben Torben schlummerte und Marv (also ich… Wenn Autor, Figur und Erzählinstanz identisch sind, führt das zu Schwierigkeiten, verrät uns die Erzähltheorie!) sich für schlechte Wortwitze zuständig fühlte. (Beispiel gefällig?: Torben über Irland: „Vielleicht gibt‘s ja `ne Pubschlägerei.“ – Marv: „Joah, find ich gut, Pappe tut auch nicht so weh!“)

Nach einigen reflektierenden Gesprächen über die Zeitlichkeit von Liebe und nachdem wir feststellten, dass uns die Zeit fehlt, um in Echte was zu fälschen, erreichten wir am frühen Nachmittag Hann. Münden. Nun stieß auch Simi, der bahnreisende Hallenser, zu uns und wir wurden herzlich von Konny begrüßt, die uns hierher einlud und das Denkmal-Kunst-Kunst-Denkmal-Festival mitorganisierte. Schon die Publikumsreaktionen zu unserer Straßenmusik-Session vor der St.Blasius-Kirche gaben einen Vorgeschmack auf das, was uns abends beim Konzert erwarten würde. Gut gelaunt und um etwas Kleingeld reicher, ging das anschließende Aufbauen im wunderschönen Geschwister-Scholl-Haus schon viel leichter von der Hand. Der Tontechniker Jannik unterstützte uns dankenswerterweise dabei tatkräftig und instruierte uns in die hochmoderne Ton- und Lichtanlage. Überhaupt fühlte man sich äußerst gut aufgehoben und umsorgt: kopfüber stehende Gläser und Zupfkuchen am „Empfang“ oder getafelter Wein zum Essen waren allein die kulinarischen Ausdrücke dieses hochprofessionellen Jugendzentrums. Als wir mit Soundcheck durch waren, konnten wir unseren Augen nicht trauen, denn das Foyer war voller Leute, die auf den Einlass warteten. Und so stellten wir kurzerhand fest, dass bereits vor Konzertbeginn die Hütte ausverkauft war: 180 Menschen im Saal und weitere 40 im Foyer, die es nicht mehr reinschafften und dafür dort tanzten. Was für `ne geile Überraschung! Die Aufregung stieg entsprechend bei einigen von uns, ob der eventuellen Erwartungen, die einige der Zuschauer*innen vielleicht haben würden. Doch bereits nach den ersten Applausen war klar: Hier feiert uns ein Publikum, das uns nicht einmal (oder wenn, dann nur sporadisch) kennt. Ein tolles Gefühl! Dank unseres Kumpels Alex, der in der Nähe wohnt und spontan vorbeigekommen war, hatten wir sogar Mischpult-Betreuung während des Konzertes! Leos „Keine Heimat“ schaffte es schließlich, einige der Anwesenden zu Tränen zu rühren.

 


Eine nüchterne Erkenntnis des Abends, auf dem holprigen Weg zum Erwachsensein: Der Genuss alkoholbefreiten Bieres muss also nicht zwangsläufig spaß- und intensitätsbefreite Momente erzeugen! (Ja, die meisten von uns sind seit geraumer Zeit aus gewissen Gründen so trocken wie ihr eigener Humor.) Überwältigt von diesem wundervollen Abend verließen wir zu späterer Stunde glücklich den Saal Richtung Hotel (Sogar das wurde für uns organisiert!), vorbei an Fachwerkhäusern, urigen Kneipen, einer Fußpflege-Parfümerie und weiteren Fachwerkhäusern inmitten einer verträumten Stadt, die wie aus der Zeit gefallen scheint und Schauplatz eines klassisch-romantischen Märchens sein könnte. Eines Märchens, wie dem vom Lappalie-Erwachsenwerden? Eines, in dem Fuchs und Waschbär sich Gute Nacht sagen, während Igel, Luchs und Straßenköter Infantilität und Oberflächlichkeit neu definieren und damit dem Genre der gesellschaftskritischen Fabel dichter sind, als der Alkohol ihnen? So oder so stellt sich die Frage, ob Datingapps einen geeigneten Stoff für Literatur bieten, die im Mittelalter spielt und deren Protagonisten Tiere sind. Aber ich schweife ab.


Am nächsten Morgen verabschiedeten wir Torbinger und Siminowski am Bahnhof und sind seitdem als Trio unterwegs. Durch strömenden Regen und über überfüllte hessische Autobahnen fuhren wir weiter gen Westen. Erster richtiger Stop: Duisburg. Der Vollxwagen hatte Durst, also hielten wir an der erstbesten Tanke abseits der Autobahn. Als Leo beim Türöffnen eine leere Flasche Jever Fun rausfiel und zerschellte, kam direkt ein Kommentar von hinter dem Auto: „Na, hasset hinjekriescht?!“ und wir kamen unvermittelt in die Bekannschaft eines Tankwartes, der ohne zu übertreiben das Klischee eines Ruhrpott-Urgesteins bediente, wie er im Buche steht. Leo, der sich entschuldigte und versprach, die Scherben sogleich zu entsorgen, beschwichtigte er mit den Worten: „Nee, lass ma! Is ja juut, dat du die Plürre da entsorchst, hier trink ma eh Köniesch Pilsner!“ Mit seinem Witz und seiner freundlich-unbefangenen Art hatte er sofort unsere Sympathie, weshalb es auch nicht weiter schlimm war, dass man für diese Tanke eine Tankkarte brauchte und wir folglich woanders hin mussten: „Nee, ohne Karrte jeht hier nischt, abor die Straße hoch, da kannste jejen Jelld auffüllen – da krisse auch wat zu futtarn un allet!“ Ich bedankte mich und fragte, wie ich dort am besten hinkomme, worauf er schlicht erwiderte: „Joah, kannste hier lang, kannste da hienten lang, is janz ejal! Suchste wat Feinet aus, hömma!“ Erfreut von dieser Begegnung, zogen wir von dannen und durchfuhren mit Leichtigkeit nicht nur den Pott, sondern auch ein Stückchen der Niederlande und Belgien, um in einer zeitlichen Punktlandung am Fährhafen Dunkerque (Frankreich) anzukommen. Bekannt für unser zufälliges Glück ohne großartiges Dazutun, sorgte das Anstellen in der falschen Warteschlange dafür, dass wir fast als erstes auf die Fähre durften. Ein paar Touri-Fotos vom Oberdeck und ein Geburtstagsvideo für Wiebke später, verbrachten wir die nächsten 1,5 Stunden im Aufenthaltsraum, um zu lesen und uns vom Seegang schaukelnd über charakterliche Voraussetzungen des Trampens und Reisens auszutauschen.

Mit der abendlichen Ankunft in Dover begann dann eine Achterbahnfahrt sondergleichen, die sich durch verwirrende Beschilderungen über enviromental zones langsam steigerte und in der City of London den Höhepunkt erreichte. Der schottlanderprobte Henning („What happens in the roundabout, stays in the roundabout!“) meisterte diese Herausforderung mit Bravur und freudig erregt, während Halbbrite Leo als Beifahrer vor lauter Entspannung und Ausgeglichenheit ein Buch las. Einzig meine Wenigkeit (selbst das letzte und bisher einzige Mal vor 14 Jahren in England gewesen) war auf dem Rücksitz in nahezu konstanter Bereitschaft, im nächsten Moment einen Unfall zu erleben – was nicht Hennings Fahrkünsten, sondern eher der generell ungewohnten Verkehrsführung und den gefühlt gnadenlosen Fahrer*innen in und um London geschuldet war. Wer geregelte Eindeutigkeit gewohnt ist, den überrascht das offenbar nötige Vertrauen auf andere im hiesigen Straßenverkehr. Ist eine solche Reaktion eigentlich „deutsch“? Falls ja: Ich werde es mir abzutrainieren versuchen!

Mit der Gewissheit, an diesem Tag in fünf Ländern gewesen zu sein, und nach einem kurzen „Oi, oi!“ zum vorbeiziehenden Arsenal-Stadion, erreichten wir schließlich die Wohnung von Steven, einem alten Freund von Henning, der uns einen herzlichen Empfang mit leckerem Essen bereitete und sich bis heute sehr gut um uns drei Vagabunden sorgte. Vielen Dank dafür! We‘ll send you a pound of butter!

Next stop: Liverpool! Nach einer klitzekleinen gemeinsamen Abschiedssession auf der Straße vor Stevens WG-Haus, bahnte Henning uns den Weg aus der Hauptstadt. Irgendwann gab‘s `ne Steuerübernahme durch Leo, ich chillte hinten, ließ die anderen vorn ihr Ding machen und versprach, in Irland auch mal meine Komfortzone zu verlassen. In Liverpool muckten wir zwei mal im halben Regen, jammten gemeinsam mit harp player Magic Steve (ein Anzugträger mittleren Alters, der spontan dazu kam und am Mikrofon einen energischen Blues hinlegte), trafen einige Deutsche (u.a. Jürgen Klopp – Ultras) und dinnierten schick beim Libanesen. Leos Ähnlichkeit mit Liam Gallagher wurde hier endlich mal bemerkt. Das Essen war auch gut. Eben fuhren wir durch einen Tunnel, der aussah, wie als würden die Droogs gleich um die Ecke kommen, um uns zu vermöbeln. Gerade erreichen wir den Fährhafen, um über Nacht nach Belfast rüberzumachen. Wenn das der Erich wüsste…