„This is getting really insignificant“ – Samuel Beckett über Lappalie

Die Überfahrt von Liverpool nach Belfast in der Nacht zu Sonntag gestaltete sich äußerst entspannt: Wo wir vorher noch unsicher waren, ob wir lieber doch die teure Schlafkabine hätten mitbuchen sollen, war uns bei der Ankunft im Aufenthaltsraum (eher ein riesiges Wohnzimmer) und dem Erblicken von schon im Schlafsack liegenden Menschen schnell klar, dass auch wir hier eine Pennmöglichkeit werden finden können! Bei erstaunlich wenigem Geschaukele auf hoher See konnten wir dann wieder die wirklich wichtigen Dinge besprechen, wie z.B., wer warum die Schokolade im Bus vergessen hatte oder, ob eine mögliche Ursache für die bildreiche Sprache in „1Q84“ entweder der Schreibstil des Autors oder die Bildhaftigkeit des Japanischen ist, die dann entsprechend mit übersetzt wurde. Da es nicht nur Fußball auf den Flachbildfernsehern zu sehen gab und eine Videospiele-Ecke, aus der unentwegt anfeuernde Rufe von übereifrigen Vätern kamen, sondern zudem eine Kühltruhe mit Eis (der Shop an Bord hatte leider schon zu), sahen wir doch noch unsere Chance auf Süßkram gekommen. Kurzerhand ließ ich mir ein Eis geben und war schon ganz stolz darüber, diesen Deal auf Englisch erfolgreich abgewickelt zu haben, da fragt die Verkäuferin plötzlich: „Reciept?“ Mein Unverständnis dieses Wortes zum Ausdruck gebracht, gab sie schließlich gestikulierende Erklärungsversuche, die allesamt sehr witzig waren, jedoch scheiterten, weil ich mit meinem begrenzten Vokabular auf dem Schlauch stand. Erst, als sie das Wort „Bill“ benutzte, wusste ich, dass sie einfach nur die verdammte Quittung meint. Hätte man sich auch denken können! Als ich Leo von dieser Lappalie erzählte, fiel ihm sogleich ein möglicher humorvoller Schluss dieser Begegnung ein. Leo, die Dame nachmachend, in sich abwendender Geste und mit aufforderndem Ton: „Bill! Bill, could you come here and explain the word reciept?“ Nach kurzem Schlummern in der Spielecke für Kleinkinder (die hatten da Matten rumliegen!), ging‘s dann gegen halb 7 an Land. Die Rote Rakete hatte von der Überfahrt eine nette Salzkruste erhalten, ansonsten aber alles gut überstanden.

Am Nachmittag zogen uns das schöne Wetter, der Bewegungs- und Sensationsdrang sowie die Sonntagsstimmung raus in die Natur. Gewillt, den Touristen etwas zu bieten, fuhren Myles, Joe und Laura mit uns zu Napoleon‘s Nose, einem riesigen Felsen am Rande der Stadt. Die Wanderung vom Fuße bis zur Spitze offenbarte uns eine Landschaft, die wie gemalt erschien. Vorbei an saftig-grünen Wiesen, steinigen Erhebungen und dichten Büschen und Farnen, alles grundiert von feuchtem, moorigen Boden, erklommen wir schwitzend dieses pompöse Gebilde naturbelassener Schönheit. Durchbrochen wurde diese Idylle nur von einem klitzekleinen Familien-Drama: zwei Kinder, die in eine Höhle hochgeklettert waren und nun nicht recht herauskamen, erhielten von ihrem darunter stehenden Vater Tipps und Instruktionen, die jedoch trotz seiner Mühe um Feinfühligkeit kaum eine beruhigende Wirkung auf die beiden auslösten. Während Henning ebenfalls hineinkletterte, schaffte es zwar das Mädchen sich zu befreien und von allen Schaulustigen dafür Applaus zu ernten, ob der Junge es jedoch ebenfalls vermochte, sich aus den Zwängen der Natur zu lösen, lässt sich nur erahnen. Vielleicht ist er dort noch immer und führt mittlerweile ein glückliches Leben mit dort ansässigen Höhlentieren. Wir wissen es nicht! Als wir nach einiger Zeit jedenfalls weiterzogen, war die letzte, zur Belustigung aller beigetragene Bemerkung des Jungen ein verzweifeltes: „Ohh fuck off, dad!“ On top of the hill genossen wir dann eine grandiose Aussicht auf Belfast und das nordirische Umland, die uns alle so sehr vom Hocker riss wie das zehnte Guinness den geneigten Pub-Besucher! Das hämische Lachen eines vor uns sich versteckenden Koboldes konnten wir auch auf dem Rückweg zwar weder hören noch sehen, dafür aber erahnen. Arrrrgh! Natur- und sagenbeseelt hatte sich jedenfalls genau die richtige Pub-Stimmung eingestellt (Nein, für eine solche bedarf es keiner Aggressivität und den Willen, sich zu prügeln!) – also fuhren wir nach kurzem Zwischenstop in der Lonesome George WG zur Session ins schöne Sunflower Public House. Bereits der Anblick dieses eher alternativen Etablissements lässt die Geschichte des Nordirland-Konfliktes erahnen: Ein massiver Gitter-Käfig schmückt den Eingangsbereich und stellt eine Art mahnendes Überbleibsel der Zeit der bewaffneten Kämpfe dar, wie Joe uns erklärte. Drinnen wurden wir sogleich herzlich empfangen und ehe wir uns versahen, befanden wir uns inmitten einer sympathischen Irish-Session am Musiker*innen-Tisch, zusammen mit Myles, Joe, Dermit, Maureen und Shane. Leckeres Bier (und was auch immer die anderen beiden Alkoholfreies getrunken haben…), von unseren deutschsprachigen Titeln überraschte Zuhören*innen, witzige Comics an den Wänden und eine insgesamt ausgelassene Stimmung zeichnete diesen Abend aus! Kurz nach Mitternacht ist dann auch schon Schluss gewesen – die Sperrstunde wird hier offenbar ernst genommen. Ob es die weithin religiöse Prägung Irlands, der ansonsten ausladende Alkoholkonsum oder beides ist, was diese drastische Maßnahme rechtfertigt(e), lässt sich nur vermuten.

Montag ließen wir dann zunächst entspannt angehen. Da ich unbedingt eine Steilküste sehen wollte, bevor ich die beiden am Mittwoch in aller Frühe allein lassen muss, entschlossen Henning und ich uns auf Empfehlung von Myles, den Giants Causeway besuchen zu fahren. Und wie bereits auf der bisherigen Tour deutlich wurde, ist der Weg oftmals ein eigenes Ziel – weshalb wir extra kleine Straßen entlang der Küste auswählten. Wir bereuten es nicht, denn so kamen wir in den Genuss perfekter Motive für Zeitraffervideos und kitschige Selfies. Zudem nutzte ich die Gelegenheit der Landstraße, meine ersten Fahrversuche auf linker Seite zu starten. Das klappte besser als gedacht und erinnerte ein wenig an die Fahrschule in der mecklenburgischen Provinz vor 12 Jahren. Die Atlantikküste jedenfalls bot uns einen überwältigend schönen Anblick: meterhohe Wellen, die an Steinwände preschen als gäbe es kein Morgen, Felsformationen und wilde Grünflächen, so weit das Auge reicht, ab und an mal ein Schaf. Den Giants Causeway gingen wir dann bis zum Fuße der Klippen entlang, machten viel zu viele Fotos und hüpften vor Aufregung wie Gazellen von Stein zu Stein, als wären wir gestern 11 geworden. Eine Freude, die anhielt und auch durch die Dämmerung nicht geschmälert wurde. Das Wort Naturgewalt bekommt eine viel spürbarere Bedeutung, wenn du von dunklen Felsen umgeben bist, fast nichts siehst und die raue See bedrohliche Geräusche macht, denen du nicht entkommen kannst. Zusammen mit anderen fotogeilen Touris verließen wir schließlich den Spot und fuhren zurück nach Belfast. Nebenbei wurden wieder viele Dinge besprochen und diskutiert, zu denen man im ganzen Trubel sonst nicht kommt: Religiosität und Lebenseinstellungen, politische Radikalität, Filterblasen und Freiräume, Beziehungen und Affären, dies und das. Während wir unterwegs waren, chillte Leo in der WG und im Park, las sein Buch aus und ging später mit Myles in „Madden’s Bar“, ein Pub, der wohl wie kein anderer zum Verweilen einlädt und dessen Besuch uns drei zutiefst beeindruckte! Denn auch wir taten Leo gleich und kamen mit etwas Verspätung zur dortigen Session. Aus voller Kehle gab gerade ein korpulenter bärtiger Herr im mittleren Alter ein Song zum Besten, während Musiker*innen um ihn herum auf Gitarren, Geige oder Cajon mitklimperten und mitsangen. Leute mit verschiedensten backgrounds saßen an den Tischen, manche beobachtend und zuhörend, manche sich angeregt unterhaltend und lachend, andere einfach nur biertrinkend. Wir gesellten uns dazu und spielten irgendwann ein paar eigene Sachen. Vor allem über „Jungs vom Warnowdelta“ freuten sich die Anwesenden sehr, konnten sie doch zumindest im Refrain immer das Pogues-Original mitsingen. Diverse Songs – bekannt oder nicht – wurden über den Abend gespielt: Wenn jemand fertig war und der Applaus abgeklungen, stimmte schon jemand anderes einen neuen Song an. Von „Bang Bang“ über „Don‘t think twice, it‘s allright“ und „Ring of Fire“ bis „Hey Jude“ – da blieb kein Auge und keine Kehle trocken! (unter 4 Pfund für ein Guinness: unschlagbar!) Wir halten fest: Das war der wohl irischste Tag der Welt!



Heute Mittag machten wir uns dann auf die Zielgerade des steinigen Weges: Gegen 16 Uhr ritten wir in Dublin ein, um beim Protestcamp von Extinction Rebellion einen Gig zu spielen. Nach dem kurzen Soundcheck erreichte uns die Nachricht, dass bei einer Blockade in der Stadt gerade die Musik fehlt, also beschlossen wir, dorthin zu gehen und aus nächster Nähe einen Eindruck der Protestbewegung zu bekommen, die momentan ja in aller Munde ist. Überrascht von freundlich-entspannten Polizist*innen und deren recht legere Kleidung, die im starken Kontrast zum martialischen Erscheinungsbild und Auftreten vieler deutscher Kolleg*innen steht, spielten wir zwei Songs, wurden dann aber aufgrund der sich anbahnenden Räumung gebeten, an den Rand zu gehen und zunächst nicht zu spielen. Fortan fungierten wir sozusagen als Beobachter und erlebten z.B., wie zig Leute „Gardi, we love you! We do this for your children, too!“ skandierten. Irgendwann beschlossen wir, zurück zum Oscar Wilde Park zu gehen, wo wir jetzt gerade sind und einer anderen Band lauschen. Heute Nacht werde ich mich dann schweren Herzens auf den Weg zurück nach Schland machen!
It was a real pleasure to be here – I hope we‘ll come back soon! Thank you, Lonesome George, for taking care of us!
Leo und Henning werden in den nächsten Tagen noch Konzerte in Galway und Belfast spielen, bevor sie wieder nach hus fahren.