Wenn man morgens sich nach der Krone schon sehnt…

Siehe: www.lappalie-band.de/wenn-man-morgens-sich-nach-der-krone-schon-sehnt

Kanaillen-Tour 2017 Logbuch-Eintrag Nr. 5

Hat der alte Tresenmeister sich doch einmal übergeben.
Und nun sollen seine Geister auch nach meinem Willen leben.
Tresen, Tresen, sei’s gewesen,
Dass zum Zwecke Biere fließe
Und in vollen Strömen
In die Kehlen sich ergieße.

Tag 7 der Kanallien-Tour. Die Sonne scheint mir mit ihren warmen Strahlen auf den endlich ausgeschlafenen Körper. Vögel zwitschern ein heiteres Ständchen, in meinen Gedanken bildet die Melodie von Griegs „Morgenlied“ die Begleitmusik für diese Idylle inmitten einer Tour, die mittlerweile Halbzeitstatus angenommen hat. Ich blicke in die friedlich schlafenden Gesichter meiner Bandhomies: Torben schnarcht ganz sanft, Henning ist gar nicht zu hören, Simi hat eine aufrechte Haltung und meditiert mit geschlossenen Augen und Leo hat im Schlummerzustand ein Lächeln auf den Lippen, was auch mir ein glückliches Lächeln beschert. Ich stolpere vom Dachboden und werde von Waldi, unserem Gastgeber damit begrüßt, dass er beim Anblick von mir zu einem seiner Mitbewohner schreit: „Ich glaub‘ da hat sich ganz schlimmes Ungeziefer bei uns auf dem Dachboden eingenistet!“ Ich gebe ihm zu bedenken, dass man die gemeine Lappalien-Laus nur mit starken Pestiziden oder richtig schlechter Musik loswird. Wir lachen herzlich und der Tag kann beginnen.

Der gestrige Abend in Heidelberg hätte besser kaum sein können. Eine beeindruckend große WG, die trotz wechselnder Konstellationen mittlerweile seit 30 Jahren besteht, war unser Spielort. Organisiert wurde das Ganze von Wolfi, einem alten Kumpel von Marv, der nach ausführlicher Begrüßung mit einigen langgezogenen Umarmungen und Liebkosungen zusammen mit seiner Band „Sir Fahrenheit“ das Abendprogramm einleitete. Das erste Konzert auf der Tour mit einer anderen Band zusammen. Schön war’s! Eine äußerst abwechslungsreiche und durchweg sich gut anfühlende Musikmischung bot sich uns dar und da der Konzertraum ein Wohnzimmer war, bildeten Couches die hauptsächlichen Sitzmöglichkeiten. Ein sehr dankbares und aufmerksames Publikum sorgte dafür, dass wir mit gutem Gefühl spielten: im Sitzen, akustisch und so ruhig, wie wohl nie zuvor. Man fühlte sich ein wenig wie bei MTV unplugged, nur ohne Musikindustrie dahinter und mit sicherlich insgesamt cooleren Menschen. Wir fühlten uns rundum wohl, wenngleich Torbens Erkältung nicht wirklich besser geworden ist. Nach den sehr anregenden Politgesprächen und einigen Runden Mario Kart in der Waldi-WG, bei der zwei ernstzunehmende Pärchen von Zocker-Cracks aufeinandertrafen (Wolfi und Waldi vs. Torben und Leo) und dieser erholsamen Nacht, fuhren Torben und Henning vorhin dann doch zum Arzt – Torben hatte sich von einer Medizinstudentin gestern Abend die für seine Symptome schlimmste Krankheit einreden lassen. Wir sitzen also hier in gechillter Runde und warten auf die hoffentlich doch nicht so schlimme Hiobsbotschaft, wenn die beiden wiederkommen (Update: Es ist eine Angina. Angeordnet sind: Alkoholverbot, Antibiotikum und wenig reden und singen.)

Nicht nur, dass die Lappalien sich untereinander besser denn je verstehen, auch die Tatsache, lange nicht gesehene Freunde an den verschiedenen Tourstationen wiederzusehen und mit ihnen in Erinnerungen zu schwelgen, bereitet uns immer wieder ein rosiges Gefühl. So packten Wolfi und Marv dann auch die ein oder andere alte Kamelle aus, ließen die anderen an längst vergangenen Dummheiten und Erlebnissen teilhaben (z.B. Verfolgungen durch Nazis über die mecklenburgische Provinz) und freuten sich sehr über die Zusammenführung von alten und neuen Freundeskreisen.

Da der gestrige Kater bei allen weitaus schlimmer war als der heutige, konnte sich niemand von uns dazu ermutigen, diesen Blog weiterzuführen. Folglich fehlt bisher der Bericht vom Vorabend. In versuchter Kürze und Würze, soll dies nun hier nachgeholt werden. (Es ist übrigens – glaubt mir, liebe Internetgemeinde – nicht leicht, sich an Details vergangener Tage zu erinnern, wenn immer wieder Neues dazukommt. Aber das ist ein Luxusproblem und deshalb nicht weiter zu thematisieren!)

Auf der Fahrt von Dinslaken Richtung Stuttgart entdeckte Leo auf einer Rastplatz-Absteige kurz vor Frankfurt das Glücksspiel für sich. Die Frage des rasenden Reporters Simi Superscript, wo er sich in 10 Jahren sieht, beantwortete er solide mit „Genau hier!“ Einige verzockte Euro aus der Bandkasse und gefahrene Kilometer später, erreichten wir also die schwäbische Allerweltsgemeinde Affalterbach und den sagenumwobenen Dorfschank „Krone“ – betrieben vom Schwab (gesprochen: Schwoob) und beworben durch den Bandfreund und Strainful-Train-Sänger Benni „the harp“ Kaltenbach, der leider nicht vor Ort sein konnte. Dafür bereiteten uns die rothaarigste Frau des Bekanntenkreises und K.u.T.-Verantwortliche Tee sowie der Road-Cowboy Tim alias Sam Whiskey einen gebührenden Empfang. Nicht nur der örtliche Dartverein wartete ungeduldig auf unser Konzert, zudem erfuhren wir, dass es einen Geburtstag zu feiern gab: Andrea, eine sympathische Darterin, die sich später auf für Marv völlig unverständlichem Schwäbisch tierisch über dessen Iro aufregte, feierte ihren 53. Die Meute war nichtsdestotrotz seit dem ersten gespielten Ton begeistert über unsere Musik und wir freuten uns, endlich eine Location gefunden zu haben, die die Stimmung eines irischen Pubs aufwies. Spätestens nachdem wir dem Wunsch, „Whiskey in the Jar“ zu spielen nachkamen, hielt die Tanzbegeisterten nichts mehr und es entstand ein Kessel voll freudvoller und ausgelassener Betrunkener. Trotz eines kleineren Zwischenfalls, der dafür sorgte, dass Marv sich schlagartig in vergangene Bandprobleme hineinversetzt fühlte, kochte die positive Gesamtstimmung bis zuletzt. Nach einem sehr erwachsenen Gespräch und einigen bandinternen Liebesbeweisen wurde schließlich bis morgens um 7 getrunken und gelacht. Zwischendurch gab es noch Antiaging-Tips für Frauen von mittfünfziger Männern, die auf Honig und Föhns beruhten. Krone – welch‘ unvergesslicher Abend!

Völlig ausgelaugt und Abschied nehmend von einer Region, in der Orte wie Pokemons heißen (z.B. Backnang), verließen wir am kommenden Nachmittag mit ein wenig Demut (wie so oft auf dieser Tour: die Abschiede werden von Mal zu Mal nicht leichter…) diesen tollen Ort, um an einen mindestens ebenso tollen anzukommen: Heidelberg.

Da sind wir gerade noch immer und ich sollte mal langsam aufhören mit Texten. Die anderen werden ungeduldig und wollen Döner essen. Also: auf auf! Marburg ruft. Wolfi fasste eben noch die gestrigen Wahlergebnisse passend zusammen mit: „Leute, die Uhren wurde wieder mal zurückgestellt. Auf 1933.“ Liberté, Egalité, Fckafdé!

Zweimal werden wir noch wach, heißa, dann ist freier Tach!