Kanaillen-Tour 2017 – Logbuch-Eintrag Nr. 3

Wenn um dich herum nur kreative Menschen am Arbeiten sind, aus Träumen Projekte werden, deren Umsetzung mit beeindruckender Leichtigkeit geschieht und die Stimmung rundum von sanftmütiger Freundlichkeit geprägt ist, dann weißt du: das kann nur die alte Groninger Zuckerfabrik sein, über die Eltern früher ihren Kindern zu erklären pflegten, dass hier Wolken fabriziert werden – wohl auch, um die Auswirkungen der Industrialisierung auf Natur und Umwelt leichter erträglich zu machen. De Wolkenfabriek, du hast einfach riesig viel Charme!

Der pensionierte Reiseführer Henning „the storyteller“ Molenaar sorgte dafür, dass der Rest der Lappalien nicht aufgrund bestehender Sprachdifferenzen zu den Leuten vor Ort im kompletten Wirrwarr sich wiederfinden mussten. So kam es dann, dass schon der Empfang durch Wildrik von großer Herzlichkeit bestimmt war und wir im netten Plausch zudem eine dreisprachige Einführung in die Geschichte des Ortes bekamen. Industrielle Lastenfahrstühle, die den MC-Hammer-Song „Can’t touch this“ zu ihrem Credo machten, versorgten uns sogar während des Aufbaus mit Spiel, Spaß und Spannung. Die Überraschungseier bekamen wir dann sogar auch: Der Chefkoch Wildrik servierte nach dem Konzert sogenannte Eierballen, eine Groninger Spezialität, die an frittierte Senfeier erinnern. Ohnehin war uns schon nach dem Willkommensessen klar: Das hier ist der bisherige kulinarische Höhepunkt der Tour. Eier, Abendbrot, Bier: alles kanker lekker!

Nicht so lekker war dagegen die Nacht in dem freundlich durch uns annektierten Strainful-Train-Powerbus (nochmals vielen Dank, Jungs!). Zumindest für Marv: Die Kälte machte ihm sehr zu schaffen. Während alle ruhig schlummerten und „die erholsamste Nacht der bisherigen Tour“ (Torben) hatten, zerbrach er sich den Kopf über mögliche Inhalte des kommenden Logbuch-Eintrags (über sich selbst in der dritten Person zu schreiben fühlt sich komisch an… Ich lass‘ das jetzt!) Unabhängig von Schlafqualitäten war der Ort, an dem wir nächtigten jedenfalls von ganz eigener Magie: Ein wirklich liebevoll gestalteter Wagenplatz, bei dem nicht nur sämtliche Oldtimer-Gerippe die Vergänglichkeit allen Lebens auf spezielle Art und Weise verdeutlichen, sondern zudem das romantisierte Aussteiger_innen-Diktum „Zurück zur Natur!“ eine so subtile Programmatik bildet, dass an der Kompost-Toilette ein Konterfei von Rousseau gestickert war.

Das Konzert selbst hat, nachdem der große ehemalige Industrie-Raum für einen unfassbar langen Soundcheck sorgte, große Freude gemacht! Henning schaffte es, die Meute mit seinen auf perfektem Niederländisch und einer süffisanten Intonation vorgetragenen Geschichten gut zu unterhalten. Zur Zeit der Ansagen fragte sich indes der Rest der Band, wie viele Beleidigungen er wohl über uns machte, von denen wir nichts mitbekamen. Die Aftershow-Party fiel diesmal ungewöhnlich aus: Chris, ein begeisterter Macher, präsentierte uns sein Projekt EM2, eine riesige Konzert-Halle, gebaut fast nur aus recycelten Materialien und mit einem Leitmotto, das stellvertretend für das ganze Zuckerfabrik-Gelände steht und unsere Herzen höher schlagen ließ. Er plant, dort hauptsächlich Leute auftreten und sich ausleben zu lassen mit „ideas for a better world“.

Groningen, wir sind noch immer geflasht von dir! Vet bedankt voor de leuke tijd bij jullie!

Jetzt geht’s ab in’n Pott – zuerst nach Spellen, dann nach Dinslaken. Aber dazu müssen wir erstmal den Grenzübertritt gut überstehen. Grenzen sollten wirklich abgeschafft werden. Die sind sowas von 20. Jahrhundert…!

P.S.: Ein neues Video ist online. Bremer Nächte sind lang…